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Brunnenschale
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Brunnenschale

In der Schule der Nomaden

„Wir sind nur Gast auf Erden und wandern ohne Ruh“ - ein altes Kirchenlied beschreibt das Lebensgefühl vieler Zeitgenossen. Obwohl sie einen festen Wohnsitz haben, erleben sie sich ständig unterwegs, oft auch umhergetrieben, ohne richtige Bleibe. Je zerrissener sich unser Dasein darstellt, je mehr sehnen wir uns nach einem Dach für unsere Seele.

 

Brunnenschale
Im Kreuzgang des Bonner Münsters

 

Die Karawanen der Urlauber, die in diesen Wochen wieder durch die Länder ziehen, werden zum Sinnbild für unsere Lebenssituation. Der Wert der Erholung wird nicht selten in Kategorien gemessen, die uns aus dem Arbeitsalltag nur allzu vertraut sind. Manche Sehnsucht mag gestillt werden, die Sehnsucht der Seele bleibt auf der Strecke. Vielleicht weil wir den Kontakt zu uns selbst und zu den ursprünglichsten Dingen des Lebens verloren haben. Den Menschen „fehlen die Wurzeln, das ist sehr übel für sie“, lesen wir im „Kleinen Prinzen“.
 
Bei den Nomaden, die vor 3000 Jahren durch Palästina zogen, könnten wir Menschen des 21.Jahrhunderts in die Schule gehen:: sie waren das ganze Jahr über unterwegs, wechselten die Weideplätze im Sommer und Winter, waren dankbar für die Brunnen, die Wasser gaben und für die Bäume, die Schatten spendeten und erlebten, ohne gegenseitige Gastfreundschaft können wir in der Wüste nicht überleben. In den alltäglichen Dingen spürten sie, wovon sie lebten, wo ihre Wurzeln waren. So erzählten sie sich Geschichten von Brunnen und schattenspendenden Bäumen und von einem Gott, der ihnen an diesen für sie so lebenswichtigen Orten begegnete und der sogar die Gastfreundschaft der Menschen in Anspruch nahm. Abraham bewirtet ihn in der Gestalt dreier Männer bei den Eichen von Mamre.
 
In unserer Gesellschaft wurde die Gastfreundschaft kommerzialisiert, einem Gastgewerbe übertragen. Gegen bares Geld erhalten wir ein Dach über dem Kopf, ein Bett, in dem wir uns ausstrecken können, einen Tisch, der nicht leer bleibt. Wir erkaufen uns die freundliche Bedienung und verlernen, was es heißt, wirklich Gastfreundschaft zu erfahren. Wir tragen die Mineralwasserflasche in der Kühlbox mit uns und bedürfen des Brunnens nicht mehr. Wer im klimatisierten Fahrzeug durchs Land fährt, kann auf die Kühle des Schattens gerne verzichten. Wesentliches geht uns verloren.
 
Es ist mühsam, ganz bewußt zu den ursprünglichen Dingen zurückzukehren, sie wahrzunehmen und gerade durch sie zu erfahren, wo mein Lebensweg eine Bleibe hat und welches Ziel in ihm steckt. Die Ferienwochen, die vor uns liegen, bieten die Chance, dies einzuüben, um damit den Alltag bestehen zu können.

Wilfried Schumacher

 

In der Schule der Nomaden